Die Oder – Grenzfluss und „Blaues Band“
Die Oder ist mit einer Länge von 866 km und einem ca. 120.000 km² großen Einzugsgebiet einer der Hauptströme des Nordostdeutschen Tieflandes. Sie entspringt auf einer Höhe von 634 m üNN am Lieselberg im Odergebirge (Tschechien), fließt durch die „Mährische Pforte“ bei Ostrava nach Polen und weiter in nordwestlicher Richtung bis Ratzdorf bei Guben in Brandenburg, wo die Lausitzer Neiße in den Oderlauf einmündet. Ab diesem Punkt bildet der Fluss die Grenze zwischen Deutschland (Land Brandenburg) und Polen; nördlich von Schwedt teilt sich das Gewässer in die beiden Flussarme West- und Ostoder, die ab Mescherin vollständig auf polnischem Gebiet liegen und bei Stettin in das gleichnamige Haff und damit in die Ostsee münden. Seit dem Friedensvertrag von Versailles (1919) ist der Oderstrom ein internationales Gewässer; 1945 wurde sie zunächst als vorläufige Grenze festgelegt und 1990 endgültig als deutsche Ostgrenze (Oder-Neiße-Linie) bestätigt. Mit dem Nebenfluss Warthe erreicht das Flusssystem eine Länge von 1045 km, schiffbar sind 717 km auf dem Hauptfluss ab Stettin aufwärts bis Koźle (Polen). In seinem Verlauf berührt der Grenzfluss die Regionen Neumark (Land Lebus) auf polnischer Seite und in Deutschland Oderbruch, Neuenhagener Oderinsel, Uckermark und den Nationalpark Unteres Odertal im Naturraum „Untere Odertalniederung“.
Die Region Neumark (Polen) am rechten Oderufer ist sehr stark durch Land- und Forstwirtschaft geprägt. Mit großflächigen Trockenlegungsmaßnahmen unter Friedrich dem Großen ab 1770 wurden weite Sumpfgebiete entwässert und in Agrarland umgewandelt; heute gibt es entlang des Ufers nur noch kleine Moorflächen, die v.a. für Störche ein beliebtes Jagdrevier darstellen. Etwas weiter im Landesinneren ist noch eine eiszeitliche Landschaft mit Moränenhügeln, Findlingen, kleinen Seen und Wäldern erhalten geblieben. Ein Reisetipp für die polnische Oderseite ist die landschaftlich reizvolle Uferstraße zwischen Osinów Dolny (Niederwutzen) und Gozdowice (Güstebiese). Die Strecke führt durch kleine Dörfer mit vielen Gedenkstätten und Mahnmalen zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg; unterwegs gibt es immer wieder Aussichtspunkte mit einem sehr schönen Blick über das Wasser bis weit in die Landschaften des Oderbruchs hinein. Eine weitere sehenswerte Attraktion zum Abschluss der Tour ist die Flussüberquerung mit der Schaufelradfähre von Gozdowice nach Güstebieser Loose in Brandenburg (Oderbruch).
Der Naturraum Oderbruch ist ein 12-20 km breiter und rund 60 km langer Landschaftsstreifen (Gesamtfläche ca. 920 km²) am linken Oderufer zwischen der Stadt Lebus im Süden und Bad Freienwalde im Norden; die Ostgrenze bildet der eingedeichte Fluss, die westliche Begrenzung sind die Hochflächen und Hügel des Barnim. Das Oderbruch ist ein Teil des in der Weichseleiszeit entstandenen Thorn-Eberswalder Urstromtales; die Niederung wurde bis zum 18. Jahrhundert von mehreren Oderarmen durchflossen, ab 1735 erfolgte auf Anweisung von König Friedrich II. die Eindeichung und Trockenlegung des Feuchtgebietes. Der Hauptfluss wurde begradigt und kanalartig am Ostrand des Oderbruchs entlang geführt, die alten Flussarme sind heute nur als Relikte und Altwasser erhalten geblieben (z.B. „Friedländer Strom“, „Quappendorfer Kanal“). Die nahezu ebene Landoberfläche des Oderbruchs fällt leicht von 14 m üNN im Südosten bis auf 1 m üNN im Nordwesten ab. Die Gegend ist von zahlreichen Wasserabzugsgräben durchzogen, mehrere Schöpfwerke dienen zur Förderung des anfallenden Wassers, da die Flächen teilweise bis zu 3 m unter dem Oderniveau liegen. Das Landschaftsbild im Oderbruch ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt; es gibt jedoch noch typische Bruchlandschaften mit Vernässungszonen und kleinen Sumpfgebieten, hier wachsen u.a. Wollgras, Binsen, Seggen, Erlen, Birken und Weiden. Auf den sonnigen Hängen im westlichen Oderbruch bei Lebus und Mallnow gedeihen seltene Pflanzenarten wie Adonisröschen, Küchenschelle und Sandfingerkraut, bis zum 17. Jahrhundert wurde hier auch Wein angebaut. Die offenen Wasserflächen locken zahlreiche Wasservögel an, zur Zeit der Vogelzüge ist die Gegend ein beliebter Rastplatz für große Vogelschwärme; auch der Biber ist im Oderbruch wieder heimisch geworden, mittlerweile hat sich eine stabile Population mit ca. 300 Tieren gebildet. Der nördliche Teil der Region wird als „Niederes Oderbruch“ bezeichnet; hier ist die Landschaft reicher strukturiert als im südlichen Abschnitt, an den Gräben stehen die typischen Kopfweiden und Straßen werden teilweise von Obstbaumalleen gesäumt. Nach der Trockenlegung wurden im Oderbruch neben den bestehenden Altdörfern planmäßig neue Kolonistendörfer (Straßendörfer) angelegt, deren Namen stets mit „Neu“ beginnen; einige dieser Dorfanlagen stehen heute unter Denkmalschutz wie z.B. Neulitzegöricke.
Die Neuenhagener Oderinsel zwischen Bad Freienwalde und Oderberg schließt sich nördlich direkt an das Oderbruch an, sie ist ein eigenständiges Gebiet mit ca. 60 km² Fläche und wird auf allen Seiten von Fließgewässern umgeben (Oderstrom, Alte Oder). Die Oderinsel ist als Teil einer großen Endmoräne ein Relikt der letzten Eiszeit, mit Höhen bis zu 90,9 m üNN ragt sie deutlich aus der Umgebung heraus. Aufgrund der hochwassersicheren Lage ist dieses Gebiet bereits seit der Mittelsteinzeit nachweislich durchgehend besiedelt, die reichen Ton- und Kiesvorkommen werden heute jedoch nur noch in geringem Umfang genutzt (Ziegelei, Kiesgrube). Rund 75 % der Neuenhagener Oderinsel sind besondere Schutzgebiete (Naturschutzgebiet, Biosphärenreservat, FFH-Gebiet); eine ausgeprägte Trockenrasenvegetation mit Wildem Salbei und ein Brutgebiet für den Wiedehopf machen diese Gegend besonders wertvoll.
Der Nationalpark Unteres Odertal wurde im Juni 1995 gegründet und umfasst eine Fläche von 10.500 ha; er erstreckt sich auf ca. 50 km Länge zwischen Hohensaaten und Mescherin, die Breite variiert von zwei bis maximal 8 km. Im Verbund mit zwei polnischen Landschaftsschutzparks bildet der Nationalpark das grenzübergreifende Schutzgebiet „Internationalpark Unteres Odertal“, das insgesamt eine Fläche von 1.127 km² einnimmt. Der Nationalpark Unteres Odertal ist der einzige deutsche Auennationalpark mit einer intakten Polderlandschaft; im November werden die Sommerdeiche geöffnet und die angrenzenden Wiesen überflutet, nach dem Rückgang des Hochwassers im Frühjahr werden die Deiche im April dann wieder geschlossen. Dieses System im Zusammenspiel mit der Topografie bewirkt die Ausbildung verschiedenster Vegetationsformen. Die Oderaue wird geprägt durch den Fluss selbst, seine Altarme und Kolke mit Schilfgürteln, durch Feuchtwiesen und naturnahe Auwälder (Weide, Pappel, Ulme); die steilen Hänge am Talrand sind mit ursprünglichem Laubwald bewachsen (Buche, Eiche, Esche, Ulme, Hainbuche), durch Beweidung entstanden stellenweise wertvolle Trockenrasenflächen u.a. mit Pestwurz, Silbergras, Leimkraut, Storchenschnabel und Knabenkraut. Die abwechslungsreiche Landschaft ist auch der Grund für eine sehr artenreiche Fauna. Das Nationalparkgebiet ist Heimat für Fischotter, Biber, Störche, Seeadler, Eisvogel, Weißflügelseeschwalben und die sehr seltenen Seggenrohrsänger; auf den Wiesen brüten Wachtelkönig, Uferschnepfe und Kampfläufer, in den Wäldern baut der Pirol seine Nester. Die Auenlandschaft ist ebenfalls ein bewährtes Rast- und Überwinterungsgebiet für mehr als 150.000 Zugvögel, v.a. Gänse, Enten und Kraniche; besonders beeindruckend präsentiert sich der Kranichzug im Herbst, wenn die riesigen Schwärme von ihren Schlafplätzen auf polnischer Seite zu den Fressplätzen auf deutschen Mais- und Getreidefeldern fliegen. Der Nationalpark ist für Besucher sehr gut erschlossen; 52 ausgeschilderte Rad- und Wanderwege (Gesamtlänge 200 km), drei Lehrpfade und drei Aussichtsplattformen ermöglichen vielfältige Naturbeobachtungen. Oderbruch, Oderinsel und Nationalpark, alle drei Landschaften haben eines gemeinsam – die Oder als „Blaues Band“.

